II. Fetzen

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Juli
Wenn das schallende Piepsen meines Funkweckers sich in meinen Traum einmischt, träume ich, dass das Piepsen der Traum ist und der Rest die Realität, einer der schönen Träume, die ich immer wieder habe. Tragischerweise ist es jeden Morgen gerade andersrum. Dieser furchtbare Ton und die digitale Anzeige mit der unheilvollen Aufschrift 6:49 reißen mich aus einer viel subtileren und angenehmeren Welt, aus meiner eigenen.
Mitten im Juli in einer deutschen Metropole, die Menschen sind auf der Straße. Die Hitze wird später in jeder Bewegung pulsieren, die ich mache, die Schnelligkeit der Erde wird heruntergedreht, doch so früh ist die Luft angenehm warm und frisch.
Im Sommer finde ich mich schön. Meine blonden Haare sehen sommerblond aus, meine weiße Haut sommerweiß und meine dunklen Augen sind sommerdunkel. Dann lauf ich durch die Straßen, wann immer ich kann, ohne jedes Ziel.
Die Zeit, in der Studieren als gemütliche Lebensphase galt, ist leider vorbei. Als Studentin muss ich nebenher arbeiten, um überhaupt meine Gebühren bezahlen zu können. Ich bin von morgens bis abends unterwegs, hab keine Zeit für mich, das find ich schrecklich.
Nächsten Monat habe ich frei. Ich weiß, wie mein Tagesablauf sein wird. Ich werde am frühen Nachmittag aufstehen, duschen, mich anziehen. Auf die Straße gehen und in irgendeinem Straßencafé einige Freunde zufällig treffen. Mit denen esse ich was und kiff ein bisschen und wir lassen gemeinsam die Zeit an uns vorbeirauschen. Vielleicht sitzen wir da bis spät in die Nacht, vielleicht gehen wir baden im Fluss, vielleicht ziehen wir abends noch los, vielleicht treffe ich einen Typen, vielleicht nicht – scheißegal. Ich gebe alle Kontrolle ab und lasse mein Leben vor sich hinwuchern. Ich lebe meine eigene Welt in der von uns allen. Das ist mein Traum, der von keinem Funkwecker dieser Welt zerhackt werden wird.
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I. Fetzen
Leicht wie Watte Bleischwer
nackt auf der Wiese nasse Klamotten
ein Problem nicht hat, hatte übler Geruch
ein müder Riese wie am Verrotten
freier Atem Dicker Kloß
warme Luft dünner Atem
und riecht etwas fühlt sich verloren
und kennt den Duft fühlt sich verraten
Zwei Seelen eine Seele
zwei Körper ein Körper
fühlen sich reich beide im Krieg
und leben sanft es gibt nur Verlieren
und lieben weich. niemals den Sieg.
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10
Flimmerndes Licht
alle zwanzig Meter
Kalt und warm
Violett und blau
Sonne der Nacht
diesen Oktober Zweitausendacht
scheint auf die Haut
Kalt und warm
Der Lärm der Stille
dröhnt in den Ohren
Schwarz ist es nicht
Der Regenbogen
Kalt und warm
Dunkel und hell.
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Melancholie einer Generation
Melancholie einer Generation
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er von der Stadtautobahn zu Bordeaux in den verstopften Stadtverkehr der südfranzösischen Großstadt geriet. In seinem nicht-klimatisierten Renault troff er vor Schweiß, als wäre er in einen Platzregen gekommen. Dies war die südeuropäische Variante eines skandinavischen Unwetters, nur ein anderer Sommer und bald überstanden.
Im Radio lief eine Reportage über den Klimawandel, in regelmäßigem Abstand zerhackt von irgendeinem Poprockstück der sechziger Jahre, eines der Stücke, die er schon öfter gehört hatte, als seine eigene Mutter sprechen – so kam es ihm wenigstens vor – , von denen er aber weder den Titel kannte, noch ihnen etwas abgewinnen konnte.
„Wieso schaltest du das Radio überhaupt ein“, hörte er Magnus, einen Bekannten aus Schweden sagen. „Wieso, wenn du nichts von der Musik hältst?“
Er wusste es nicht. Vielleicht war dies eine minimale Kapitulation vor dem alltäglichen Schwachsinns-Geschwätz, vielleicht auch nur, um jemandem zuzuhören, ganz egal, was den Inhalt anging.
„Mein Name ist Pierre Meursault, ich sage au revoir und bis zum nächsten Mal“, verabschiedete sich der Moderator auf französisch.
Ich bin froh das alles hinter mir gelassen zu haben, mich diesen Schritt getraut zu haben.
Der Renault bog auf einen Parkplatz und kam schließlich im Schatten einer großen Linde zum Stehen. Beim Aussteigen schlug ihm der Wind einen Vorgeschmack auf die Sicht auf den Atlantik ins Gesicht.
Ein Geschäftsmann, der gerade ebenfalls über den Parkplatz schritt, hätte, wäre er ein aufmerksamer Beobachter gewesen, den erleichterten Gesichtsausdruck des eben Ausgestiegenen bemerken können. Doch er war zu sehr mit seinem Handy und sich selbst beschäftigt, als dass er etwas davon mitbekommen hätte. Er verschwand staksend, fast stolzierend im nahezu nächtlichen Schatten des großen, verwachsenen Baumes.
Er war noch nie zuvor in Bordeaux gewesen, wusste deshalb nicht, dass es fast unmöglich war, mit dem Auto zum Strand zu kommen, so lief er zur S-Bahn-Station und zog sich ein Ticket. Die Bahn war zu dieser Tageszeit überfüllt wie die Linienbusse von Neu-Delhi, die man immer in Fernsehreportagen zu sehen bekommt. Nur mühsam und voller Unbehagen konnte er sich einen Platz zum Stehen ergattern. Er bemerkte, dass er trotz den unmenschlichen Temperaturen auf einmal aufgehört hatte zu schwitzen, er fror fast. Krampfhaft vermied er es, den anderen Menschen in das Gesicht zu schauen, wollte die Teilnahme an ihren Leben vermeiden. So starrte er die Decke des Zuges an, an der einige Werbeplakate, Fahrpläne und die punition pour resquilleurs – Warnung hingen. Sein Blick fiel auf ein Plakat, das die Aufführung von „Schuld und Sühne“ im städtischen Theater ankündigte.
Sobald er die Weite des Ozeans erblickte, stieg er aus. Das Meer empfing ihn – mal wieder – mit offenen Armen.
Nackte Füße auf Kiesel in verschiedenen Grautönen, manche fast weiß, manche fast schwarz, doch die Farben waren alle warm und schmuddelig und standen im Kontrast zum kalten Dunkel des Ozeans. In den Kieseln hatten sich vereinzelt kleine braune Wasserlachen gebildet, über die er mit großen Schritten stieg.
„Ein angenehmes Leben hat, wer sein Leben für eine überschaubare Pfütze hält; verloren ist, der weiß, dass es sich um einen tiefen Ozean handelt“, dachte er, als seine Füße die prickelnde Gischt des Salzwassers erreichten.
So stand er gedankenverloren im Meer. Er merkte nicht, wie seine Hose immer feuchter und schwerer wurde. Als ihn nun auch noch ein kalter Wind vom Meer umspielte, schlich eine Eiseskälte an seinem Körper hoch, bis in seine Fingerspitzen, in denen die Kälte ihren Höhepunkt erreichte. Doch er blieb stehen.
Ob seine Beine ihn unbemerkt weiter in den Ozean getragen hatten, oder ob nur die Flut gekommen war, wusste er nicht, doch nach einer halben Stunde stand er bis zum Bauchnabel in kaltem Wasser.
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Ich renne durch ein Gebäude. Meine Füße sind mal schwer, dass das Laufen fast unmöglich wird und mal sind sie so leicht, dass ich einige Zentimeter vom Boden abhebe. Das Gebäude scheint ein Bürokomplex zu sein; durch große Fenster auf der rechten Seite sehe ich die Lichter einer Metropole an mir vorbeifliegen.
Ist es Tag? Ist es Nacht? Das Licht, das von draußen in einem fahlen, dunklen, grauen Schein die Konturen der kahlen Zimmerwände sichtbar macht, gibt mir darüber keine Auskunft. Die Wände haben keine Türen. Ich kann jedoch durch sie hindurch rennen, wenn ich schnell genug bin. Jedes Mal, wenn ich meinen Körper eine der Wände durchdringen spüre, durchzuckt mich ein ungekannter Schmerz, der nachlässt, sobald ich das nächste Zimmer betrete. Ich renne durch ein Gebäude.
Ich stehe an einem Ufer. Eine Kraft zieht mich in das türkisfarbene Wasser. In hohem Bogen springe ich ab. Sobald mein Körper von der warmen Flüssigkeit umgeben ist, pulsiert Musik in meinen Ohren. Ich ziehe mit meinen langen Armen große Kreise durch das Wasser, stoße es zu meinen Seiten weg und schieße durch dieses Paralleluniversum.
Mein Hals springt auf und ich kann Kiemen ertasten, wo vorher meine Halsschlagader war. Ich mache einige Atemzüge und spüre das Wasser in mich eindringen. Fischschwärme in Farben, die ich zuvor niemals gesehen haben glaube, die mir aber doch vertraut scheinen, tauchen plötzlich auf und verschwinden ebenso schnell aus meinem Blick, ohne von mir Notiz genommen zu haben. Ich tauche kurz auf; als ich jedoch die Kälte oberhalb der sich kräuselnden Oberfläche spüre, verschwinde ich wieder schnell in der mir so neuen Welt, in der ich eine so ungekannte Energie durch mich fließen spüre.
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night nurse/ alone together
night nurse/ alone together
Ich schlafe mit todkranken Patienten. Das klingt erstmal ziemlich makaber, wenn ich dass so sage, deswegen erzähle ich auch niemandem davon. Wem sollte ich es auch erzählen. Einem Psychiater? Dazu hab ich weder Geld noch Lust. Ich brauche keinen, höchstens, wenn mir langweilig ist. Schätze mal, das ist auch verdammt langweilig, bei einem Psychiater zu sitzen.
Wenn sie dem Sterben nahe sind. Die Patienten. Und sich womöglich schon von ihren Liebsten verabschiedet haben. Dann betrete ich ihr Zimmer, reiße die Fenster auf, damit die kalte Nachtluft reinkommt und betrete ihre Leben. Vorher war ich nur die stille Krankenschwester, die ihnen was zu Essen und Schmerzmittel gebracht hat. Die sie vielleicht gar nicht wahrgenommen haben. Jetzt bin ich alles. Dann schlafen wir miteinander.
Viele Männer haben erotische Fantasien mit Krankenschwestern. Mit mir nicht, denn hübsch bin ich nicht, nein. Aber muss man hübsch sein, wenn man glücklich ist? Bin ich glücklich? Ist irgendjemand glücklich? Ich kenn niemanden.
Es ist sogar schon vorgekommen, dass einer fünf Minuten danach gestorben ist. Das war sehr traurig und sehr schön. Er konnte nicht mehr sprechen, er nahm einen Zettel, auf den er in einer unleserlichen, krakeligen Schrift, für die ich lange brauchte, um sie zu entziffern schrieb
Wer bist du? Ich will dich kennenlernen. Ich glaube, ich liebe dich.
Wenn ein Geheimdienst mich beobachten würde, der würde glauben, ich wär einsam. Das stimmt, eigentlich gibt es niemanden in meinem Leben. Außer den Patienten. Die lieb ich.
Gestern ein Krebspatient. Keine fünfzig. Keine Haare mehr, wegen Chemo. Frau und Kinder. Als ich reinkam sah er aus wie ein Skelett. Und als ich spürte, dass er kam, schaute ich ihm in die Augen, hab noch nie so lebendige Augen gesehen.
Ich hab mit fünfundzwanzig geheiratet, war mit neunundzwanzig geschieden. In den vier Jahren waren seine Freunde meine Freunde. Seit der Scheidung kenne ich niemanden mehr. Wenn ich Urlaub habe, rede ich wochenlang kein Wort und krächze wie einer mit Kehlkopfkrebs. Wenn mir das weiße Neonlicht des Supermarktes in den Augen juckt, leg ich meine Brötchen und meine Brigitte aufs Fließband. Meine Tarnung. Dann geh ich wieder in meine Wohnung. Meine Wohnung hat ein Zimmer und eine Küche. In dem Zimmer steht ein Einzelbett aus Metallrohren. Hab nur weiße Bettwäsche. Sonst ist da nichts in dem Zimmer. Außer einem kleinen Zettel, der mit einem Reißnagel über das Bett gehängt ist. In der Küche wurde noch nie etwas gekocht. Da sitz ich drin und sitze meine Ferien ab. Was mach ich überhaupt in dieser Zeit? Keine Ahnung, ehrlich nicht. Warten vielleicht. Worauf weiß ich nicht.
Das klingt, als würde ich die Patienten nötigen. Das stimmt aber nicht. Ich seh schon ob sie wollen. Sie wollen alle. Wenn sie merken, dass es bald zu Ende ist mit ihnen. Dann können sie sich nichts Tolleres vorstellen.
Ich war noch nie fähig zu einer Beziehung. Aber ich fühlte mich immer eklig, meine Klamotten klebten an meiner Haut, wenn ich eine Weile nicht mit Männern schlief. Wozu hab ich ihn denn dann, fragte ich mich. Irgendwann bekam ich dann eine Stelle im Krankenhaus. Nachtdienst, Kaffee im Becher, keine Geschlechtskrankheiten, kann losgehen. Wenn irgendjemand da draußen glücklich ist, dann bin ich es auch.
Ich hab mir schon manchmal überlegt, die Pille einfach wegzulassen.
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